
Nicht der Ball zählt — sondern wen er überwindet. Das ist der Grundgedanke hinter der Packing-Statistik, einer Metrik, die in Deutschland entwickelt wurde und einen blinden Fleck der klassischen Fußballanalyse beleuchtet. Passquoten, Ballbesitzwerte und Abspielstatistiken messen, wie oft und wie genau ein Spieler den Ball spielt. Was sie nicht messen: ob diese Pässe tatsächlich Gegner aus dem Spiel nehmen.
Packing zählt genau das — die Anzahl der überspielten Gegenspieler pro Aktion. Ein Seitenwechsel über 40 Meter, der keinen einzigen Verteidiger überbrückt, hat einen Packing-Wert von null. Ein kurzer Doppelpass im Mittelfeld, der drei Gegner auf einmal aus dem Spiel nimmt, hat einen Wert von drei. Die Idee ist bestechend einfach: Der Wert einer Aktion hängt nicht davon ab, wie weit oder wie präzise der Ball gespielt wird, sondern davon, wie viele Gegner sie eliminiert.
Erfunden wurde Packing von den ehemaligen Bundesliga-Profis Stefan Reinartz und Jens Hegeler, die das deutsche Unternehmen Impect gründeten und die Metrik zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich einer breiten Öffentlichkeit vorstellten. Seitdem hat sich Packing als eine der originellsten Innovationen der Fußballstatistik etabliert. Dieser Artikel erklärt die Definition, die Berechnung und die Frage, warum Packing in der Spielerbewertung oft aussagekräftiger ist als die klassische Passstatistik.
Was ist Packing? Die Idee hinter der Metrik
Packing misst, wie viele gegnerische Spieler durch eine Aktion — Pass, Dribbling oder Schuss — aus dem Spiel genommen werden. Der Wert wird für jede einzelne Ballberührung berechnet und summiert sich über ein Spiel, eine Saison oder eine gesamte Karriere. Ein Spieler mit einem hohen Packing-Wert verschiebt das Spiel systematisch in Richtung des gegnerischen Tors, weil seine Aktionen Verteidiger eliminieren, die anschließend nicht mehr eingreifen können.
Die Metrik wurde vom deutschen Datenunternehmen Impect entwickelt, das unter anderem mit dem DFB und mehreren Bundesligavereinen zusammenarbeitet. Den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung schaffte Packing bei der Europameisterschaft 2016 in Frankreich, als Impect die Daten während des Turniers präsentierte und damit eine Debatte über die Aussagekraft traditioneller Statistiken auslöste.
Die Grundidee lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Ein Innenverteidiger spielt einen langen Ball über 50 Meter auf den Flügel. Der Pass ist präzise, kommt an — Passquote: erfolgreich. Aber er überbrückt keine einzige Verteidigungslinie, weil der Empfänger auf gleicher Höhe wie die gegnerische Abwehr steht. Packing-Wert: null. Im Gegenzug spielt ein Sechser einen kurzen vertikalen Pass durch eine Lücke zwischen zwei Mittelfeldreihen des Gegners. Distanz: acht Meter. Aber vier Gegenspieler sind danach hinter dem Ball. Packing-Wert: vier. Die Metrik belohnt nicht die Schwierigkeit oder die Distanz, sondern die Wirkung.
Impect unterscheidet dabei zwischen verschiedenen Packing-Varianten. Die Basisversion zählt alle überspielten Feldspieler. Daneben gibt es den sogenannten Impect-Wert, der nur überspielte Verteidiger berücksichtigt — also Spieler, die sich zwischen Ball und Tor befinden. Diese Differenzierung ist wichtig, weil das Überspielen eines offensiven Mittelfeldspielers taktisch weniger relevant ist als das Überspielen eines Innenverteidigers kurz vor dem Strafraum.
So wird Packing berechnet
Die Berechnung von Packing erfordert eine Zutat, die nicht jede Liga liefern kann: präzise Positionsdaten aller 22 Spieler in Echtzeit. Nur wenn die exakte Position jedes Feldspielers und des Torhüters zum Zeitpunkt einer Aktion bekannt ist, lässt sich berechnen, wie viele Gegner sich zwischen Ball und Tor befanden — und wie viele davon durch den Pass oder das Dribbling überspielt wurden.
In der Bundesliga liefert Sportec Solutions diese Daten. Das Unternehmen erfasst rund 3,6 Millionen Datenpunkte pro Spiel über kamerabasierte Tracking-Systeme, die jede Bewegung auf dem Feld registrieren. Seit der Saison 2025/26 ergänzt die SAOT-Technologie (Semi-Automated Offside Technology) diese Daten mit 21 Referenzpunkten pro Spieler, die von Kameras mit hoher Auflösung erfasst werden. Dieses engmaschige Tracking-Netz ist die technische Voraussetzung dafür, dass Packing überhaupt berechnet werden kann.
Der Berechnungsprozess selbst läuft in mehreren Schritten ab. Zunächst wird der Moment der Ballabgabe identifiziert — der Zeitpunkt, an dem ein Spieler den Ball abspielt oder ein Dribbling startet. Dann werden die Positionen aller gegnerischen Spieler erfasst. Anschließend wird gezählt, wie viele dieser Gegner sich auf der Linie zwischen Ball und Tor befanden und nach der Aktion hinter dem Ball stehen. Die Differenz ergibt den Packing-Wert.
Diese Berechnung ist aufwendiger als eine einfache Passstatistik, weshalb Packing-Daten nicht auf allen gängigen Plattformen verfügbar sind. Während xG und PPDA auf Portalen wie FBref oder Understat frei zugänglich sind, bleibt Packing stärker an spezialisierte Anbieter wie Impect gebunden. Für die Bundesliga ist die Datenverfügbarkeit dank Sportec Solutions vergleichsweise gut — in kleineren Ligen fehlt oft die nötige Tracking-Infrastruktur.
Warum Packing mehr verrät als Passquote
Die Passquote ist eine der am häufigsten zitierten Statistiken im Fußball — und eine der am wenigsten aussagekräftigen. Ein Spieler mit 92 Prozent Passgenauigkeit klingt nach einem Präzisionsinstrument. Doch wenn 85 Prozent seiner Pässe kurze Rückpässe und Seitwärtspässe ohne jede Wirkung waren, relativiert sich die Zahl schnell. Packing deckt genau diese Lücke auf.
Der Unterschied lässt sich an zwei Spielertypen festmachen. Spieler A hat eine Passquote von 89 Prozent und einen durchschnittlichen Packing-Wert von 2,1 pro Pass. Spieler B hat eine Passquote von 78 Prozent, aber einen Packing-Wert von 5,8 pro Pass. Spieler B riskiert mehr, spielt öfter vertikale Bälle durch die gegnerischen Linien — und scheitert deshalb häufiger. Aber wenn seine Pässe ankommen, verändern sie die Spielsituation grundlegend. In der reinen Passstatistik sieht Spieler A besser aus. Im Packing-Ranking ist Spieler B der wertvollere Akteur.
Für Scouts und Trainer ist diese Unterscheidung Gold wert. Wer einen Spielmacher sucht, der das Spiel nach vorne treibt, filtert nicht nach Passquote, sondern nach Packing pro 90 Minuten. Diese Metrik identifiziert Spieler, die systematisch gegnerische Strukturen auflösen — die Qualität, die in der modernen Spielanalyse am meisten gefragt ist.
Auch taktisch liefert Packing wertvolle Einblicke. Teams mit hohem kumulierten Packing-Wert spielen vertikal und direkt — sie versuchen, den schnellsten Weg zum Tor zu finden, indem sie gegnerische Linien durchbrechen. Teams mit niedrigem Packing trotz hohem Ballbesitz spielen horizontal und risikoarm — sie bewegen den Ball, ohne damit Verteidiger aus dem Spiel zu nehmen. Beides kann taktisch sinnvoll sein, aber Packing macht den Unterschied sichtbar, den die Ballbesitz-Statistik allein verschleiert. Wer beide Werte nebeneinanderlegt, erkennt auf einen Blick, ob ein Team den Ball hält, weil es das Spiel kontrolliert — oder weil es keinen Weg nach vorne findet.
Fazit
Packing ist die Metrik, die der Fußballstatistik fehlte: eine Kennzahl, die nicht Aktivität misst, sondern Wirkung. Während Passquoten und Ballbesitzwerte beschreiben, wie oft und wie genau ein Spieler den Ball bewegt, zeigt Packing, ob diese Bewegung gegnerische Spieler eliminiert — also ob sie das Spiel tatsächlich nach vorne bringt.
Die Stärken der Metrik liegen in ihrer Klarheit und Relevanz für Scouting und Taktikanalyse. Wer Spieler bewertet, die den Unterschied machen sollen, findet in Packing ein Kriterium, das über oberflächliche Statistiken hinausgeht. Die Schwäche liegt in der Datenverfügbarkeit: Ohne hochauflösende Tracking-Daten lässt sich Packing nicht berechnen, weshalb die Metrik bisher stärker in der Bundesliga verbreitet ist als in vielen anderen Ligen.
Nicht der Ball zählt — sondern wen er überwindet. Wer dieses Prinzip verinnerlicht, liest Fußball anders. Und genau das macht Packing zu einer der spannendsten Entwicklungen der modernen Spielanalyse.
Quellen
- Sportec Solutions AG — Datenerfassung und Tracking in der Bundesliga. sportec-solutions.de
- Sportec Solutions — SAOT-Technologie in der Bundesliga. sportec-solutions.com