
Hinter jeder Zahl steht ein System. Wenn Fans nach dem Abpfiff die xG-Werte auf ihrem Smartphone abrufen, Trainer die Laufleistung ihrer Spieler analysieren oder Scouts die Passgenauigkeit eines Kandidaten vergleichen, greifen sie auf Daten zu, die erst einmal erfasst, verarbeitet und bereitgestellt werden müssen. Wie werden Fußball-Statistiken erhoben — von der Kamera im Stadion bis zur Tabelle auf dem Bildschirm?
Der Prozess ist aufwendiger, als er von außen wirkt. Er umfasst mehrere Stufen: die physische Datenerfassung durch Kameras und Sensoren, die Verarbeitung durch Algorithmen und menschliche Operatoren, die Strukturierung in Datenbanken und die Verteilung an Endnutzer — Vereine, Medien, Plattformen und Fans. In der Bundesliga arbeiten spezialisierte Unternehmen wie Sportec Solutions und internationale Anbieter wie Opta daran, jeden Spieltag in verwertbare Daten zu verwandeln.
Dieser Artikel zeichnet den vollständigen Datenweg nach: Wer sammelt die Daten, mit welcher Technologie, wie werden sie verarbeitet und wer bekommt sie am Ende? Ein Blick hinter die Kulissen einer Infrastruktur, die den modernen Fußball erst analysierbar macht — und die weit komplexer ist, als die schlichten Zahlen auf dem Bildschirm vermuten lassen.
Tracking-Systeme: Wer sammelt die Daten?
Die Datenerfassung im Profifußball beginnt im Stadion und erfolgt über zwei grundlegend verschiedene Systeme: optisches Tracking und Event-Daten. Beide ergänzen sich, bedienen aber unterschiedliche Analysebedürfnisse.
Optisches Tracking arbeitet mit Kamerasystemen, die im Stadiondach oder an den Flutlichtmasten installiert sind. In der Bundesliga betreibt Sportec Solutions das Tracking-System, das rund 3,6 Millionen Datenpunkte pro Spiel erfasst — kumuliert ergibt das etwa 65 Millionen Datenpunkte an einem vollständigen Spieltag. Die Kameras registrieren die Positionen aller 22 Spieler, der Schiedsrichter und des Balls mit einer Frequenz von 25 Bildern pro Sekunde. Aus diesen Rohdaten werden Laufwege, Geschwindigkeiten, Beschleunigungswerte und Positionsprofile berechnet.
Event-Daten sind die zweite Säule. Anbieter wie Opta (Stats Perform) setzen sogenannte Event-Coder ein — spezialisierte Operatoren, die jedes relevante Spielereignis in Echtzeit erfassen: Pässe, Torschüsse, Tacklings, Fouls, Abseitsstellungen, Einwürfe. Jedes Ereignis wird mit einem Zeitstempel, der Position auf dem Feld und einer Klassifikation versehen. Aus einem einzigen Bundesliga-Spiel entstehen so typischerweise 1.500 bis 2.500 einzelne Events.
Die dritte Datenquelle — Wearables und GPS-Tracker — ergänzt die optischen Systeme. In der Bundesliga tragen viele Spieler auch während des Wettkampfs GPS-Vesten (EPTS-Geräte), die von der FIFA seit 2015 für den Einsatz in Pflichtspielen zugelassen sind. Die daraus gewonnenen Daten gehören jedoch dem jeweiligen Verein und werden nicht öffentlich geteilt — zudem dürfen die Livedaten während des Spiels nicht in der technischen Zone empfangen oder genutzt werden. Die offiziellen Spieldaten der Bundesliga stammen deshalb nahezu vollständig aus dem optischen Tracking-System von Sportec Solutions. Im Trainingsbetrieb nutzen fast alle Profivereine tragbare Sensoren von Anbietern wie Catapult, STATSports oder Kinexon, um Belastungssteuerung und Verletzungsprävention zu optimieren. Die Trainingsdaten bleiben intern — sie fließen nicht in die öffentlich zugänglichen Statistiken ein und sind für Analysten außerhalb der Vereine nicht verfügbar.
Von der Kamera zur Tabelle: Der Datenweg
Die Rohdaten, die Kameras und Event-Coder liefern, sind noch keine Statistiken — sie müssen erst verarbeitet werden. Der Datenweg vom Stadion zum Endnutzer umfasst mehrere Verarbeitungsschritte, die teilweise in Echtzeit ablaufen.
Schritt eins: Erfassung. Während des Spiels werden Tracking- und Event-Daten parallel erhoben. Die Kamerasysteme liefern kontinuierlich Positionsdaten, die Event-Coder erfassen Ballaktionen. Beide Datenströme werden mit Zeitstempeln versehen, um sie später synchronisieren zu können.
Schritt zwei: Verarbeitung und Validierung. Algorithmen berechnen aus den Rohdaten abgeleitete Metriken — Laufleistung, Sprintdistanz, Passgenauigkeit, xG-Werte. Gleichzeitig werden die Daten auf Plausibilität geprüft: Wenn das System einem Spieler eine Sprintgeschwindigkeit von 50 km/h zuordnet, liegt ein Messfehler vor, der korrigiert werden muss. Bei Event-Daten überprüfen Quality-Control-Teams stichprobenartig, ob die Codierung stimmt.
Schritt drei: Strukturierung und Distribution. Die validierten Daten werden in standardisierte Formate überführt und in Datenbanken gespeichert. Jedes Spiel erhält einen einheitlichen Datensatz, der Tracking-Daten, Event-Daten und abgeleitete Metriken umfasst. Diese Datensätze werden über APIs (Programmierschnittstellen) an die Abnehmer verteilt: Vereine, Medien, Wettanbieter und Statistikplattformen. Die API-Struktur ermöglicht es jedem Abnehmer, genau die Daten abzurufen, die er benötigt — ein Medienpartner braucht Livedaten in Echtzeit, ein Scout dagegen historische Vergleichswerte über mehrere Saisons.
Der gesamte Prozess ist bemerkenswert schnell. Grundlegende Statistiken stehen bereits während des Spiels zur Verfügung — bei der Bundesliga aktualisieren sich die Livedaten im Minutentakt. Umfassende Datensätze mit erweiterten Metriken werden innerhalb weniger Stunden nach Spielende bereitgestellt. Die Infrastruktur dahinter ist enorm: Allein in Deutschland werden pro Saison über 1,4 Millionen Pflichtspiele auf allen Ebenen ausgetragen, und selbst wenn nur die Profispiele vollständig erfasst werden, summiert sich das Datenvolumen in den Archiven auf über 5.000 Spiele mit vollem Tracking-Coverage.
Sportec Solutions und die DFL: Datenpartner der Bundesliga
In der Bundesliga ist die Datenerfassung nicht Sache der einzelnen Vereine, sondern zentral organisiert. Die DFL (Deutsche Fußball Liga) hat mit Sportec Solutions einen exklusiven Datenpartner, der die technische Infrastruktur in allen 18 Erstliga- und 18 Zweitliga-Stadien betreibt. Sportec Solutions, ein Joint Venture zwischen Deltatre und der DFL-Gruppe, ist damit der zentrale Knoten, an dem alle Spieldaten der beiden höchsten deutschen Spielklassen zusammenlaufen.
Dieses Modell hat Vorteile gegenüber dezentralen Ansätzen: Weil dieselbe Technologie in allen Stadien eingesetzt wird, sind die Daten vergleichbar. Ein Tracking-Datensatz aus dem Signal Iduna Park in Dortmund hat dieselbe Struktur und Auflösung wie einer aus der PreZero Arena in Hoffenheim. Für Analysten bedeutet das: Die Datenqualität ist ligaweit konsistent, was Vergleiche zwischen Teams und Saisons valide macht.
Die DFL vermarktet diese Daten über verschiedene Kanäle. Medienpartner wie Sky, DAZN und die öffentlich-rechtlichen Sender erhalten Livedaten für ihre Übertragungen. Plattformen wie bundesliga.com nutzen die Daten für ihre eigenen Statistikseiten. Und internationale Datenanbieter wie Opta integrieren die Sportec-Daten in ihre globalen Datenbanken, von wo sie an Plattformen wie FBref, SofaScore oder WhoScored weitergeleitet werden.
Für den Amateurfußball sieht die Lage grundlegend anders aus. Die über 60.000 aktiven Schiedsrichter in Deutschland leiteten in der Saison 2024/25 rund 1,4 Millionen Spiele — vom Kreisliga-Kick bis zum Landespokalfinale. Tracking-Daten gibt es dort nicht; Ergebnisse und Basisstatistiken werden über das DFBnet erfasst, das zentrale Verwaltungsportal des DFB. Torschützen, Verwarnungen und Platzverweise werden manuell eingetragen, fortgeschrittene Metriken wie xG oder Laufleistung existieren auf dieser Ebene schlicht nicht. Die Datentiefe, die im Profibereich Standard ist, bleibt dem Amateurfußball vorerst verwehrt — ein Gefälle, das mit sinkenden Kosten für Sensortechnologie in den kommenden Jahren kleiner werden könnte.
Fazit
Die Erhebung von Fußball-Statistiken ist ein industrieller Prozess, der vom Kamerasystem im Stadiondach bis zur API einer Statistikplattform reicht. Optisches Tracking und Event-Codierung liefern die Rohdaten, Algorithmen und Validierungsteams verarbeiten sie zu verwertbaren Metriken, und ein Netzwerk aus Partnern verteilt sie an Vereine, Medien und Fans.
In der Bundesliga ist dieser Prozess durch die Partnerschaft zwischen DFL und Sportec Solutions zentral organisiert und qualitativ auf einem Niveau, das international Maßstäbe setzt. Hinter jeder Zahl, die nach dem Abpfiff auf dem Bildschirm erscheint, steht ein System — und wer dieses System versteht, liest Fußballstatistiken mit einem deutlich geschärfteren Blick.
Quellen
- Sportec Solutions AG — Datenerfassung und Tracking in der Bundesliga. sportec-solutions.de
- DFB-Mitgliederstatistik 2024/25. dfb.de